Arzneimittel aus tropischen Heilpflanzen
09.05.08: Biopiraten - Pharmageschäfte mit tropischen Heilpflanzen
Wem gehört die Natur? Sind Pflanzen patentierbar? Pharmaunternehmen machen Geschäfte mit tropischen Heilpflanzen – auf Kosten der einheimischen Nutzer.
Piraten fahren längst nicht mehr mit Dreimastern über die Weltmeere. Moderne Piraten sind in Urwäldern unterwegs, in den Dörfern und auf den Feldern in tropischen Ländern. Es sind Forscher im Auftrag von internationalen Pharma-Unternehmen, die in aller Welt Einheimische befragen, mit welchen Blättern, Blüten, Wurzeln oder Früchten sie Krankheiten behandeln. Sie sammeln traditionelles Wissen über Heilpflanzen, um herauszufinden, ob es industriell nutzbar ist.
Immer heftiger aber wird die Kritik daran, dass auf diese Weise versucht wird, exklusive Geschäfte zu machen, indem man in den USA oder in Europa Patente auf traditionelle Heilpflanzen anmeldet und sich die Nutzungsrechte aneignet.
Da die Natur ein reichhaltiges Reservoir an Heilpflanzen bereithält, hofft man darauf, neue Wirkstoffe gegen Krankheiten zu finden. Vor allem die westlichen Volkskrankheiten wie Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen versprechen große Umsätze. Aber es ist häufig ein einseitiges Geschäft. Wenn aus den Heilpflanzen moderne Medikamente entwickelt werden, sind die Patente für die Pharmaunternehmen Millionen wert. Doch die Einheimischen, die die Pflanzen oft schon seit langem anwenden, sind die Verlierer und gehen leer aus.
Es ist eine moderne Form von „Biopiraterie“, kritisiert die indische Wissenschaftlerin und Bürgerrechtlerin Vandana Shiva, die mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, wenn westliche Unternehmen das Wissen von Naturvölkern ausbeuten und sich die Verwertungsrechte daran aneignen. „Das Ergebnis ist ein stillschweigender Diebstahl von über Jahrhunderte erworbenem Wissen, der von den Industrienationen an den Entwicklungsländern begangen wird“, urteilt Greenpeace.
Die Buchautoren Michael Frein und Hartmut Meyer schildern dieses Vorgehen in ihrem lesenswerten Buch „Die Biopiraten - Milliardengeschäfte der Pharmaindustrie mit dem Bauplan der Natur“ am Beispiel des indischen Neem-Baumes. Aus den ölhaltigen Samen und den Blüten des Baumes (Azadirachta indica, auch Niem genannt) werden seit Jahrhunderten Heilmittel gewonnen. Über 20 verschiedene medizinische Anwendungen sind bekannt.
Der Neem-Baum
Der Baum wird seit vielen Generationen kultiviert und das Wissen um seine Nutzungsmöglichkeiten ist Allgemeingut. Das Holz widersteht Termiten, die Blätter ergeben Tierfutter gegen Wurmkrankheiten. Außerdem werden aus dem Neem-Baum seit Urzeiten auch biologische Mittel zur Insektenabwehr hergestellt und angewendet.
Vor gut 30 Jahren weckte der Neem-Baum das Interesse von US-amerikanischen, japanischen und europäischen Firmen. 1985 erhielt eine US-Firma das erste Patent auf ein Neem-Produkt zur Insektenabwehr. Mittlerweile haben Industrieunternehmen über 100 Patente zu Neem-Produkten beansprucht. Das führte dazu, dass Neem-Produkte in Indien selbst unerschwinglich teuer wurden und kleinere indische Firmen und Landwirte aus dem Markt gedrängt wurden.
Das Beispiel Neem „gilt zu Recht als Biopiraterie im weiteren Sinn“, urteilen die Buchautoren Frein/Meyer. Der Neem-Fall zeige zugleich aber auch, „dass die Patentierung traditionellen Wissens erfolgreich angefochten werden kann“. Denn nach internationalen Protesten waren Einsprüche gegen Neem-Patente beim Europäischen Patentamt erfolgreich. Mehrere Neem-Patente wurden in einem Musterstreit als ungültig beurteilt und aufgehoben.
Reis und Kakteen
Es gibt weitere, ähnliche Fälle, zum Beispiel den Basmati-Reis. Einem US-Unternehmen gelang es 1997, ein Patent auf eine neue Reissorte anzumelden und diese unter dem Namen Basmati als Marke zu registrieren. Allerdings ist Basmati eine gebräuchliche Bezeichnung für eine sehr hochwertige Reissorte, die seit Jahrhunderten durch indische und pakistanische Reisbauern gezüchtet wird. Diese Bauern hätten durch den Anspruch der US-Firma auf Markenschutz das Recht verloren, ihren Reis unter seinem traditionellen Namen zu vermarkten. Es gab eine heftige juristische Auseinandersetzung darüber. Die Anwälte der indischen Bauern konnten schließlich die Gerichte überzeugen und ihre Namensrechte bewahren.
Bei der Patentierung von Pflanzen und Wirkstoffen geht es um grundsätzliche Fragen: Wem gehören traditionelle Heilpflanzen? Und wem gehört das Wissen über medizinische Wirkungen? Die Zahl der Arzneimittel, die sich von natürlichen Quellen ableiten, ist außerordentlich groß. Traditionelle Heilpflanzen sind nach wie vor eine wichtige Grundlage zur Erforschung neuer Medikamente. Deshalb ist der Erhalt der Artenvielfalt eine globale Zukunftsaufgabe.
Weitere Informationen: Zeitschrift SECURVITAL 3-2008



