Kein Segen für die Menschheit
27.07.04: Gentechnik in der Landwirtschaft: Kein Segen für die Menschheit
Gentechnik hilft den Hunger in der Welt zu besiegen - immer wieder taucht dieses Argument in der öffentlichen Debatte auf.
Greenpeace ist anderer Meinung: Gen-Pflanzen sind keine Lösung, sondern Teil des Problems. Ein Kommentar der Greenpeace-Expertin Ulrike Brendel.
Über 815 Millionen Menschen leiden weltweit an Hunger. Doch um den Welthunger zu bekämpfen, müssen nicht die Erträge mittels Gentechnik gesteigert werden, wie die Gen-Industrie glauben machen möchte. Denn weltweit werden ausreichende Ernteerträge erzielt, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Die tatsächlichen Ursachen für Hunger sind die sozialen und politischen Bedingungen: Armut, zu wenig Land, Wasser und Saatgut für Kleinbauern, unfaire Handelsbedingungen, Kriege.
Mit dem Versprechen, das Hungerproblem zu lösen, versuchen die Gen-Konzerne die Öffentlichkeit von ihrer Risikotechnologie zu überzeugen. Doch das ist ein falsches Versprechen, gegen das sich die Betroffenen aus den sogenannten Entwicklungsländern verwahren: Bereits 1998 stellten sich alle afrikanischen Staaten, mit Ausnahme von Südafrika, gegen die Gen-Industrie und beklagten, dass die Armen und Hungernden ihrer Länder von Konzernen missbraucht werden, um Gentechnik salonfähig zu machen.
Untauglich für die Armen
In einer gemeinsamen Erklärung stellten die afrikanischen Länder fest, dass Gentechnik die biologische Vielfalt Afrikas zerstört und das nachhaltige landwirtschaftliche System gefährdet, das die Bauern über Tausende von Jahren entwickelten. Damit untergrabe die Gentechnik die Möglichkeit der afrikanischen Bevölkerung, sich selbst zu ernähren. Auch entwicklungspolitische Organisationen wie Brot für die Welt betrachten die sogenannte grüne Gentechnik eher als Fehlentwicklung, die Hunger und Armut weiter verschärft ("Grüne Gentechnik - erfunden von den Reichen, untauglich für die Armen").
In Argentinien zeigen sich die negativen Auswirkungen, die durch den massiven Anbau von Gen-Pflanzen entstehen. Die Gen-Felder trieben Argentinien weiter in eine exportorientierte, von Großbetrieben beherrschte Landwirtschaft, die die Kleinbauern vielerorts verdrängte und in bittere Armut stürzte. Zudem verursachten die Gen-Pflanzen einen Anstieg des Pestizid-Verbrauchs. Dieser beeinträchtigt nicht nur die Gesundheit der argentinischen Bevölkerung, sondern auch bei Nutztieren kommt es zu Missgeburten und Todesfällen.
Die Propaganda der Industrie
Um ihren Ruf aufzupolieren, lanciert die Gen-Industrie propagandistische Stories, die zeigen sollen, wie sehr sie sich um die Belange der Entwicklungsländer bemüht. Bekanntes Beispiel: der "Goldene Reis". Der mit Vitamin A angereicherte Reis soll den Vitaminmangel beheben, durch den in Asien jährlich bis zu einer Million Menschen sterben und viele Kinder erblinden. Stolz verkündete die Gen-Lobby, ihr Reis könne 500 000 Kindern jährlich das Augenlicht retten.
Nun gestehen jedoch einige Beteiligte ein, dass die Werbung zu weit ging. Der Gen-Reis bestätigt einmal wieder das Problem der Gentechniker: "Denn sie wissen nicht was sie tun". So ist nicht einmal geklärt, wie und warum letztlich das Provitamin A im Reiskorn entsteht. Auch wurde ursprünglich erwartet, dass die Reiskörner rot statt gelb gefärbt wären. Hinzu kommt, dass der Vitamin A-Gehalt der Reiskörner viel zu gering ist, um Mangelerscheinungen zu heilen. So belegen Untersuchungen von WHO und FAO, dass eine Provitamin-A-Versorgung auf diese Weise kaum vorstellbar ist.
Neben dem genmanipulierten Vitamin-A-Reis gibt es noch einige weitere Projekte zur Entwicklung von gentechnischen "Wunderwaffen". Doch es ist nicht abzusehen, ob diese Pflanzen, inklusive dem "Goldenen Reis", je weit genug entwickelt werden, um auf den Feldern in den Entwicklungsländern wachsen zu können. Im Januar 2004 wurde in Kenia die Forschung an einer Gen-Kartoffel von Monsanto eingestellt. Die Gentechniker mussten eingestehen, dass die Gen-Kartoffel die gewünschte Virusresistenz nicht erfüllen konnte. Besonders ironisch: die Gen-Kartoffel war sogar anfälliger als herkömmliche Kartoffelsorten.
Mehr Probleme mit Gen-Pflanzen
Die Konzerne, die ihre Gewinne mit giftigen Agrarchemikalien in Entwicklungsländern machen, sind die gleichen, die heute die Gentechnik propagieren: Bayer/Aventis, DuPont, Monsanto und Syngenta. Die Gen-Pflanzen verhelfen den Konzernen dabei sogar zum doppelten Profit: So vertreibt der Gen-Riese Monsanto genmanipulierte Pflanzen, die seinem Pflanzengift Roundup widerstehen. Zusammen mit dem Gen-Saatgut müssen die Bauern das dazugehörige Herbizid von Monsanto erwerben. Da überrascht es nicht, dass laut wissenschaftlicher Studien auf Roundup-Ready-Soja durchschnittlich 11,4% mehr Herbizide versprüht werden müssen als auf normale Soja-Sorten.
Dass es den Gen-Konzernen vor allem um Profit und Marktanteile geht, zeigt ihr Umgang mit Patenten. Traditionell wird in den Ländern des Südens Saatgut gepflegt, gezüchtet und weitergegeben. Ca. 80 Prozent des Saatguts wird nicht gekauft, sondern aus der eigenen Ernte gewonnen. Für Agrarkonzerne bietet sich also ein attraktiver Zukunftsmarkt, wenn es gelingt, auch diesen Bereich zu kommerzialisieren. Für ihre genmanipulierten Pflanzen hat sich die Industrie bereits Patente gesichert. Die Gentechnik hilft der Industrie dabei, nicht nur einzelne Gene zu patentieren, sondern auch das Saatgut bis hin zur ganzen Pflanze. Auf die Hauptnahrungspflanzen Reis, Mais, Weizen, Soja und Sorghum-Getreide wurden bereits etwa 1000 Patente erteilt.
Der Patentschutz auf Gene, Zellen, Pflanzen und Saatgut erlaubt es dem Konzern, den Nachbau, d.h. die Aussaat des aus der Ernte gewonnenen Saatguts zu kontrollieren. Vor jeder Aussaat müssten die Bauern ihr gesamtes Saatgut dann teuer von den Agrarkonzernen kaufen. Das werden sich viele nicht leisten können.
Ob die Entwicklungsländer genmanipulierte Pflanzen überhaupt wollen, spielt im Gentechnik-Monopoly keine Rolle. Wer nicht möchte, dem wird die Gentechnik per Zwangsverordnung verabreicht. So versuchen die USA, mittels Nahrungsmittelhilfen armen Ländern genmanipulierte Produkte aufzuzwingen. Hungersnöte sind dabei für die USA mehr eine Geschäftschance als eine globale humanitäre Krise. Sie nutzen die Notsituation der Hungernden aus, um ihre überschüssigen Produktionen loszuwerden und die eigene Wirtschaft anzukurbeln. Wie skrupellos sie dabei vorgehen, zeigt ein Gesetz, das im Mai 2003 den US-Kongress passierte. Darin wird festgehalten, dass den afrikanischen Ländern Aids-Medikamente verwehrt werden könnten, wenn sie die Einfuhr von genmanipulierten Lebensmitteln verweigern.
Erfolge der nachhaltigen Landwirtschaft
Zur Verbesserung der Ernährungslage sind Lösungen nötig, die den lokalen und kulturellen Bedingungen optimal angepasst sind. Die nachhaltige Landwirtschaft bietet hier ein enormes Potenzial. Sie wird zwar von der Politik immer noch weitgehend ignoriert, doch viele Menschen in Entwicklungsländern nutzen sie erfolgreich. Dafür gibt es viele Beispiele.
So organisieren sich in Bangladesch 65.000 Bauernfamilien in der Bewegung "Nayakrishi Andolon" (Neue Landwirtschaft) und bestellen ihre Felder ohne Chemie. Wo sich früher Monokulturen ausbreiteten, werden jetzt viele Früchte im Wechsel angebaut: Zwiebeln, Knoblauch, Rettich, Linsen, Kartoffeln, Kürbisse, Zuckerrohr und Süßkartoffeln. Statt Kunstdünger sorgen stickstoffhaltige Hülsenfrüchte oder Wasserhyazinthen für einen nährstoffreichen und gesunden Boden.
Fazit
Um die Welternährung zu sichern, muss man die sozialen und ökologischen Bedingungen verbessern. Eine kurzfristige Steigerung der Erträge mit technischen Mitteln, die auf Kosten der Umwelt und der Menschen geht, ist der falsche Weg. Ein zerstörtes Ökosystem wird die nachfolgenden Generationen nicht ernähren können.
Uniforme Gen-Pflanzen der Agrarindustrie sind daher keine Lösung, sondern Teil des Problems. Anstatt den Armen zu helfen, gelangt die Kontrolle der Nahrungsmittel in die Hände einiger weniger multinationaler Agrarkonzerne wie Bayer/Aventis, Monsanto, Syngenta und DuPont.
Eine nachhaltige Sicherung der Ernährung braucht eine Landwirtschaft, die die natürlichen Grundlagen bewahrt: gesunde und fruchtbare Böden, sauberes Wasser sowie eine Vielzahl an Pflanzen und Tieren.
Quelle: SECURVITAL 4-2004



