Medizin vom Dach der Welt
12.07.08: Tibetische Medizin: Die Medizin des Dalai Lama
Die tibetische Medizin kann nach den Worten des Dalai Lama „ganz wesentlich dazu beitragen, den Geist und den Körper gesund zu erhalten“.
Als ein ganzheitliches Gesundheitswesen dient sie dem tibetischen Volk seit vielen Jahrhunderten. Sie ist „eines der größten Vermächtnisse der tibetischen buddhistischen Kultur“.
Trotz der Fürsprache des Dalai Lama ist die tibetische Medizin in Europa noch nahezu unbekannt. Es gibt nur wenige Ärzte, die sie praktizieren, und nur ein einziges Unternehmen in Europa, das tibetische Arzneimittel herstellt. Wer hierzulande die tibetische Medizin kennenlernen will, muss sich in der Regel mit Fachbüchern zufrieden geben oder auf eine Gelegenheit warten, bis ein tibetischer Arzt zu einer Vortragsreise nach Deutschland eingeladen wird.
Für Interessierte, die die tibetische Medizin nicht nur aus Büchern, sondern aus erster Hand vor Ort kennenlernen möchten, hat SECURVITA gemeinsam mit dem spezialisierten Reiseveranstalter "a&e Reiseteam" eine Studienreise vorbereitet. Die 15tägige Studienreise vermittelt unmittelbare Eindrücke in die tibetische Kultur und Medizin. Sie führt durch Nordindien nach Dharamsala, wo der Dalai Lama das Zentrum für tibetische Medizin gegründet hat.
Verblüffende Pulsdiagnosen
Die tibetische Medizin strebt das Gleichgewicht der Kräfte im Körper an. Krankheiten signalisieren ein Ungleichgewicht. Ursachen von Krankheiten liegen nach tibetischer Medizinlehre in den „Geistesgiften“ wie Hass, Ignoranz und Gier. Für die Therapie spielen Arzneien (überwiegend aus Heilpflanzen) sowie Verhaltens- und Diätanweisungen sowie Massagen und Akupunktur eine wichtige Rolle.
Die wichtigste Methode, um Krankheiten zu erkennen und aufzufinden, ist die Pulsdiagnose. Dabei ertasten tibetische Ärzte feinste Unregelmäßigkeiten, die Aufschlüsse über Veränderungen der Organe geben können. Oft stimmen die Diagnosen verblüffend genau mit dem überein, was westliche Schulmediziner feststellen können.
„Ich bin aufgrund meiner Erfahrungen mit tibetischen Ärzten in Indien absolut davon überzeugt, dass die tibetische Medizin im ärztlichen Alltag genauso gut ist wie unsere“, sagt der deutsche Arzt Dr. Egbert Asshauer, der viele Jahre lang in seiner schulmedizinischen Praxis auch tibetische Methoden angewandt hat. „Die tibetische Medizin ist bis zur endgültigen Besetzung Tibets durch die Chinesen 1959 eine Art Geheimlehre gewesen, über die bis dahin nur einige wenige Wissenschaftler berichtet hatten. Im Westen ist das Interesse an der tibetischen Medizin erst langsam erwacht. Es ist eng mit der Person des Dalai Lama verbunden“, betont Dr. Asshauer in seinem lesenswerten Buch „Gesund bleiben mit der Heilkunst der Tibeter“ (Trias Verlag, Stuttgart).
Im nordindischen Bergdorf Dharamsala an den Hängen des Himalaya hat der Dalai Lama das tibetische Zentrum im Exil angesiedelt – mit Klöstern, Krankenhäusern und der Hochschule für tibetische Medizin. Hier können junge Mediziner ein sechsjähriges Studium der tibetischen Medizin absolvieren, das immer eng mit buddhistischen Studien verbunden ist. Für Europäer ist es eine geheimnisvolle Welt – die sich aber öffnet und um Austausch und Zusammenarbeit bemüht. Das macht die Studienreise zur tibetischen Medizin, die SECURVITA gemeinsam mit dem Reiseveranstalter „a&e Reiseteam“ entwickelt hat, so faszinierend. Sie ermöglichen Einblicke in eine Welt, die lange Zeit verschlossen war.
Die Wurzeln der tibetischen Medizin gehen auf vorbuddhistische Zeiten zurück. Die Blüte begann vor über 1200 Jahren, als medizinisches Wissen aus China und Indien in Tibet aufgenommen wurde und ein fruchtbarer Austausch mit den damaligen Kulturnationen die eigenständige Entwicklung der tibetischen Medizin belebte. Das Lehrbuch „Gyüshi“ („Vier Tantras“), auf das sich tibetische Ärzte heute noch berufen, wurde vor über 800 Jahren von Yuthog Yonten Gonpo in Sanskrit niedergeschrieben. Er berief sich dabei auf das Wissen, das der „Medizin-Buddha“ Sakyamuni vor urdenklichen Zeiten den Menschen überliefert habe.
Zum geheimnisvollen Ruf der tibetischen Medizin trägt bei, dass das Wissen über die Heilkunst zum Teil nur in mündlichen Traditionen oder in tibetischen Originalschriften vorhanden ist. Viele Informationen über die tibetische Kunst des Heilens sind deshalb für Ausländer, die nicht Tibetisch verstehen, noch immer lückenhaft.
Angesichts der besonderen Situation in Tibet besteht die Sorge, dass das alte Medizinwissen in Vergessenheit gerät. Nachdem China 1959 Tibet militärisch besetzt hat (die chinesische Regierung spricht von der „friedlichen Befreiung Tibets“), gingen viele Traditionen verloren. Die alte Volksmedizin wird in Tibet und den chinesischen Nachbarregionen wie Yunnan weiterhin praktiziert, aber nur noch sehr reduziert.
Das kann nicht mehr als klassische tibetische Medizin gelten. Es ist nicht mehr das volle Potential der tibetischen Medizin. Vieles verschwindet auf Druck der Chinesen. Seitdem der Dalai Lama als geistiges Oberhaupt 1960 aus Tibet geflohen ist und in der nordindischen Stadt Dharamsala die neue medizinische Hochschule (Tibetan Medical and Astro Institute, TMAI) gründete, gilt Dharamsala als Zentrum der tibetischen Medizin. In Deutschland bieten mittlerweile auch Ärzteorganisationen Fortbildungen zur tibetischen Medizin an. Allerdings erstatten Krankenkassen und private Krankenversicherungen in Deutschland die Behandlung mit tibetischer Medizin nicht. Auch die SECURVITA Krankenkasse kann dies noch nicht. Denn die rechtliche Anerkennung der tibetischen Medizin in Deutschland ist lückenhaft.
Wenn beispielsweise tibetische Ärzte nach Deutschland kommen und Fortbildungskurse geben oder Patienten beraten, dann „behandeln sie nicht in vollem medizinischem Umfang als Ärzte, denn das ist rechtlich nicht erlaubt“, betont das Kailash-Institut. Sie geben nur Beratung mit Hilfe von tibetischer Puls-, Zungen- und Urindiagnose. Dazu gehören Ratschläge, die angesichts des westlichen Lebensstils höchst aktuell sind: Empfehlungen zu gesunder Ernährung, Stress-Vermeidung und zur individuellen Lebensgestaltung.
Die Ausbildung tibetischer Mediziner ist eine Mischung aus Studium alter Texte und praktischer Erfahrung. Fünf Jahre Studium an der medizinischen Hochschule in Dharamsala sind notwendig, anschließend mehrere Jahre Praxis unter Anleitung erfahrener Ärzte. Ausländer sind willkommen in Dharamsala. Die tibetische Medizin hat sich lange Zeit nach außen abgeschlossen und sich erst spät geöffnet. Aber jetzt ist es auch nach Auffassung des Dalai Lama an der Zeit, den Austausch mit der naturwissenschaftlichen Medizin zu suchen.
Der Dalai Lama vertritt ganz persönlich das Anliegen, Verbindungen zwischen Westen und Osten zu knüpfen und den gegenseitigen Austausch auf naturwissenschaftlichem und gerade auf medizinischem Gebiet zu suchen. „Ich bin fest überzeugt“, erklärte der Friedensnobelpreisträger, „dass die tibetische Medizin der gesamten Menschheit großen Nutzen bringen kann.“
Norbert Schnorbach, SECURVITAL
Empfehlenswerte Bücher zum Thema:
Franz Reichle: Das Wissen vom Heilen. Haupt-Verlag, Oesch Verlag 2003, 240 Seiten.
Egbert Asshauer: Tibets sanfte Medizin. Oesch Verlag 2003, 245 Seiten.
Khenrab Gyamtso, Stephan Kölliker: Tibetische Medizin - eine Einführung in Geschichte, Philosophie, Heilpraxis und Arzneimittelkunde, AT-Verlag 2007, 208 Seiten.



