Mitteilungen
12.06.99: "Zukunfsfähige Gesellschaft" von Dr. Angelika Zahrnt, Vorsitzende der Umweltschutzorganisation BUND
Das Glaubensbekenntnis der Industriegesellschaft ("weiter, schneller, mehr") hat keine Zukunft.
Immer mehr Menschen spüren, daß Glück und Gesundheit nicht abhängig sind von steigendem Bruttosozialprodukt, wachsendem Konsum und immer höherem Energieverbrauch.
Ein unbegrenztes Wachstum in einer begrenzten Welt ist nicht möglich. Die Formel "Weiter so" funktioniert nicht mehr. Unsere moderne Art zu leben und zu wirtschaften ist schon heute nicht mehr tragfähig. Sie ist kein Modell für die Welt von morgen.
Das gilt für die Umweltpolitik ebenso wie für den persönlichen Lebensstil. Die Frage nach dem nachhaltigen, zukunftsfähigen Lebensstil bewegt immer mehr Menschen. Der Wandel der Lebensverhältnisse hat es mit sich gebracht, daß wir uns mit vielerlei krankmachenden Faktoren umgeben: Streß und Hetze, ungesunde Ernährung, soziale Belastungen und allgegenwärtige Umweltgifte. Für viele gehört das schon längst zum gewohnten Alltag. Auf Dauer ist es kaum hinzunehmen. Ein zukunftsfähiger Lebensstil sieht sicherlich anders aus.
Neue Weichenstellungen sind notwendig, um den Zwiespalt zwischen Wissen und Handeln zu überwinden. In der Politik gibt es gewisse Fortschritte, allerdings im Schneckentempo. Der BUND hat gemeinsam mit Misereor und dem renommierten Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie die Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" herausgegeben. Das ist ein wichtiger Versuch, zu konkreten Vorschlägen und praktischen Lösungen zu kommen.
Eine zukunftsfähige Gesellschaft muß eine pluralistische Ausrichtung haben, wobei Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen alles hohes soziales Ziel anerkannt werden. Umfassende Gesundheitsvorsorge und Krankheitsverhütung spielen eine außerordentlich wichtige Rolle und verdienen entsprechende Unterstützung. Eine am Menschen orientierte Heilkunst wird Vorrang haben vor einer hochtechnisierten Krankheitsbekämpfungsmaschinerie.
Der gesellschaftliche Pluralismus zeigt sich auch in einer Vielfalt von Therapieverfahren insbesondere aus der Naturheilkunde, die sich helfend und heilend bewährt haben und neben der Schulmedizin anerkannt sind. Die geplante Gesundheitsreform sollte Zeichen setzen für ein zukunftsfähiges Gesundheitswesen.
Der BUND setzt sich dafür ein, daß das Ziel der Weltgesundheitsorganisation zur Gesundheitsförderung (Ottawa Charta von 1996) aktiv unterstützt wird: allen Menschen soll ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit ermöglicht und sie damit zur Stärkung der eigenen Gesundheit befähigt werden.
Der BUND unterstützt dieses Ziel als Grundlage für seine zukünftige Arbeit. Bei der Gesundheitsreform muß hierin ein großer Schritt vorwärts getan werden, damit eine Wende von der Krankheitspolitik zu einer Gesundheitspolitik eingeleitet wird.
Zur nachhaltigen Gesundheitsversorgung gehört ein Paradigmenwechsel bei der Umsetzung von Umweltzielen. Eine ganzheitliche Umwelt- und Gesundheitspolitik muß die Energie- und Ressourcennutzung, das Verkehrswesen einschließlich der Unfälle, die Landwirtschaft, das Geld- und Steuerwesen und auch die Krankenversorgung einbeziehen.
Das "Bindemittel" für den Politikwechsel ist die Kommunikation: das Sich-Verständigen darüber, wie wir zukünftig leben wollen und welche Risiken wir dafür zu tragen bereit sind.
aus: Securvital Nr. 4/99



