Entspannung
„Stille belohnt uns!“

 

Regelmäßige Auszeiten vom Lärm des modernen Alltags sind für das Gehirn und damit unser Wohlbefinden enorm wichtig. Ein Gespräch mit dem Hirnforscher und Neurowissenschaftler Prof. Dr. Volker Busch. 

Securvital: Was passiert im Gehirn, wenn es leise wird?

Volker Busch: Früher hat man immer ge­dacht, bei Stille passiert wenig. Mittlerweile wissen wir, dass bei Stille im Gehirn ganz viel passiert. Bestimmte Neuronen, Nerven­zellen und Nervenzellverbände werden ge­nau dann aktiv. Man geht davon aus, dass diese Aktivität mit der Gedächtniskonsoli­dierung zu tun hat, vielleicht auch mit der Stärkung unserer Intuition. Zu vielem kön­nen wir derzeit nur Vermutungen anstellen. Was wir wissen, ist, dass Momente der Stille ein Wachstum von Nervenzellen im Hippocampus in Gang setzen. Dies zeigt uns, dass Stille weit mehr ist als Stillstand.

Securvital: Dass das Gehirn Stille zur Rege­neration benötigt, ist also auch noch nicht erwiesen?

Volker Busch: Nein. Allein aus dem Wachs­tum lässt sich das nicht ableiten, aber es ist dennoch möglich, dass es so ist. Denn in der Natur sehen wir das in anderen Be­reichen genauso. Auch da gehört Stillstand zu Wachstumsprozessen. Und in der Regel dient das der Mobilisierung neuer Kräfte. Da kann es durchaus sein, dass es beim menschlichen Gehirn ähnlich ist.

Securvital: Menschen sind in ihrem Alltag einer Flut von Geräuschen ausgesetzt. Wann ist Lärm einfach nur unangenehm und wann wird er gesundheitsschädlich?

Volker Busch: Da gibt es große Unterschiede, denn der Lärm hängt von Ihrer Bewertung ab. Wenn Sie in eine Disco gehen, werden Sie die laute Musik kaum als störend be­zeichnen. Ein Nachbar, der schlafen will, hingegen schon. Aber es gibt ein paar absolute Grenzen, ab denen es gefährlich wird. Ab 60 bis 80 Dezibel beginnt, was man körperphysiologisch Stress nennt. Und ab 90 Dezibel ist es auf Dauer auf jeden Fall zu viel.

Securvital: Warum fühlen sich so viele Menschen heutzutage vom Lärm gestresst?

Volker Busch: Das Problem unserer Welt ist nicht, dass sie reizphysikalisch zu laut ist, sondern viel zu voll. Was uns belastet, ist das Zuviel an Informationen. Diese transportieren Botschaften und Nachrich­ten. Sie wecken Bedürfnisse und schaffen neue Aufgaben und Verpflichtungen. In­formationen werden zur Grundlage von Wünschen, Hoffnungen, aber natürlich auch von Sorgen, Ängsten und Gedanken, die lautstark durch den Schädel kreisen. Eine neue Methode misst die tägliche Anzahl der Gedanken von Menschen und kommt auf rund 6000 pro Tag.

Securvital: Ist Stille denn immer und für jeden zu empfehlen?

Volker Busch: Wenn man aufgrund einer psychischen Erkrankung wie Depression, Panikattacken oder einer Angststörung zum Grübeln neigt, dann ist es nicht unein­geschränkt das Richtige. Sprechen wir aber über normale Menschen, die ihrem Job nachgehen und viel zu tun haben, dann tut Stille hin und wieder gut.

Securvital: Mit was konfrontiert uns Stille?

Volker Busch: In der Stille sind wir weniger abgelenkt. Dann werden die inneren Stim­men lauter. Sie erinnern uns vielleicht zunächst an eine Kränkung oder an einen blöden Kommentar von jemandem. Doch auch da ist Stille etwas Konstruktives, denn der Kopf räumt innerlich auf und stellt neue Assoziationen her. Informatio­nen werden verpackt und gespeichert und wir kommen auf neue Ideen. Und das tun wir eben nicht im Kino oder kurz vor Laden­schluss im Supermarkt, sondern eher, wenn wir im Wald spazieren gehen.

Securvital: Wie beurteilen Sie die vielen kommerziellen Schweige-Angebote? Braucht es die wirklich?

Volker Busch: Es ist wie immer in dieser Welt: Wo ein Bedarf herrscht, entsteht ein Angebot. Das muss nicht prinzipiell schlecht sein. Wenn Menschen in teuren Achtsamkeits-Retreats etwas für sich ent­decken, dann kann das etwas Positives sein. Aber ich halte es für eine Illusion zu glauben, dass man weit wegfahren muss, um Momente der Stille zu erfahren und dass man dafür Geld ausgeben muss.

Securvital: Welchen Tipp würden Sie lärmgeplagten Zeitgenossen vor allem mitgeben?

Volker Busch: Ich würde jedem die Erfah­rung schenken wollen, mal auszuprobie­ren und zu erleben, wie schön es sein kann, wenn es um einen herum still ist. Gerade jungen Menschen. Weil eben nur dann unser inneres Ruhenetzwerk hochfährt – das ordnende, kreative, assoziierende Netzwerk. Und den Konsum von Reizen einfach mal runterzufahren und sich zu trauen, mit sich allein zu sein, ist unglaub­lich. Meist werden wir dafür beschenkt und belohnt. Denn unsere innere Stimme hören wir nicht, wenn wir beballert wer­den mit Gigabyte an Daten.

Prof. Dr. Volker Busch: Der Arzt und Wissenschaftler forscht an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg. Er ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien »Kopf hoch!« im Droemer Verlag. Busch betreibt außerdem den Podcast »Gehirn Gehört«.

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