Green Care
Bauernhof statt Altenheim
Pflegebauernhöfe bieten pflegebedürftigen Menschen einen würdevollen Lebensabend.
In den Niederlanden leben bereits Tausende pflegebedürftige Menschen auf Green-Care-Höfen. In Deutschland steckt die Entwicklung noch in den Anfängen.
Vormittags beim Füttern der Hühner oder in der Küche helfen, nachmittags mit anderen Senioren im Garten sitzen: So kann das Leben von Menschen mit Demenz auf einem Bauernhof aussehen. Hier fühlen sie sich nicht mehr so einsam wie in ihrer eigenen Wohnung. Sie schlafen besser, haben Appetit auf Frisches aus dem Gemüsegarten und sind mit ihren täglichen Aufgaben in das gemeinschaftliche Hofleben eingebunden.
In den Niederlanden existieren heute rund 1300 sogenannte Green-Care-Farmen, zu Deutsch Pflegebauernhöfe oder Pflegehöfe. Die Höfe bieten Menschen mit Demenz, körperlichen Einschränkungen oder psychischen Erkrankungen Tagesbetreuung oder Wohnraum mit 24-Stunden-Pflege.
Dort zu arbeiten ist auch für Pflegekräfte attraktiv, viele Pflegehöfe haben Wartelisten, weil sich viele einen persönlicheren Umgang mit den alten Menschen wünschen, den die meisten Heime nicht bieten. Das niederländische Modell gilt als Vorbild. Und langsam kommen auch deutsche Regionen in Bewegung.
In Würde altern
Es geht hierbei um mehr als Pflege. Es geht um die Grundsatzfrage: Wie wollen wir alt werden? Das Pflegesystem hierzulande ist erstarrt, die Probleme sind erkannt, aber bei der Lösung geht es nicht voran. Daseinsvorsorge ist eine staatliche Pflicht.
Menschen möchten in Würde altern und ihren Lebensabend am liebsten in Gemeinschaft verbringen. Aus diesem Grund sind bereits in vielen deutschen Städten alternative Wohnformen wie Mehrgenerationenhäuser und Pflege-WGs für Senioren entstanden.
Pflegehöfe im ländlichen Raum bieten den Senioren darüber hinaus Tiere, viel Grün, Gerüche und Vogelgezwitscher, dazu viele stimulierende Sinneseindrücke und Bewegungsmöglichkeiten. „Mich überzeugt die Kombination aus gesundem Lebensstil, persönlicher Fürsorge auf Augenhöhe und Gemeinschaft, sodass sich die Menschen sicher und dazugehörig fühlen, sagt Vladimir Werner, Vorstand der SECURVITA Krankenkasse.
Warum braucht es Lösungen für die Pflege?
Der Druck im Pflegesystem ist enorm. Rund 1,8 Millionen Menschen leben heute in Deutschland mit Demenz – bis 2050 könnten es laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft 2,3 bis 2,7 Millionen sein. Gleichzeitig fehlen qualifizierte Pflegekräfte. Die Heimkosten steigen du die Wartelisten für Pflegeheimplätze sind lang.
Die gesetzlichen Pflegekassen sind regelmäßig unterfinanziert. Gesundheitsökonomen, die die Bundesregierung beraten, gehen davon aus, dass auch in Zukunft 85 Prozent der Pflegebedürftigen ambulant versorgt werden – insbesondere unter Einbindung der Angehörigen.
Was für die Familien selbstverständlich und geboten ist, ist für den Staatshaushalt eine unermessliche Entlastung. Je mehr die Verwandtschaft leistet und kompensiert (oft mit Verzicht auf Lohn und Gehalt), je länger die alten Menschen problemlos in den eigenen vier Wänden leben, desto mehr bleibt dem Staat für die teurere stationäre Pflege übrig (15 Prozent der Pflegebedürftigen).
Pflegende Angehörige tragen somit gesellschaftlich die Hauptlast. Ohne sie würde unser Pflegesystem nicht funktionieren, sagen Experten. Gleichzeitig zählt die Pflege von Angehörigen zu den stärksten chronischen Stressfaktoren überhaupt – mit einem nachgewiesenen Einfluss auf das eigene Demenzrisiko der Pflegenden.
Vorteile für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen
Pflegehöfe bieten diesen Angehörigen Entlastung: von stundenweiser Betreuung der Pflegebedürftigen über Tagesangebote bis zu Wohngemeinschaften. Für Menschen, die bereits vom Medizinischen Dienst (MD) einen Pflegegrad zugesprochen bekommen haben und in der eigenen Häuslichkeit gepflegt werden, können diese ambulanten Leistungen von der Pflegekasse bezuschusst werden. Hofbesucher, die in der eigenen Wohnung leben und einen Pflegegrad haben, können unter bestimmten Umständen einen Teil der Betreuungskosten von ihrer Pflegekasse erstattet bekommen.
Die Wissenschaft bestätigt, dass Pflegehöfe für Menschen mit Demenz ein deutlich geeigneteres Umfeld sind als konventionelle Einrichtungen. Vier Kernelemente sind dafür maßgebend: die Anregung der Sinne, die Teilnahme an sinnvollen Aktivitäten, die Übernahme von Verantwortung und das Erleben echter Gemeinschaft. Hinzu kommt der Tier- und Naturkontakt: Er kann das Fortschreiten von Demenz mit ihrer Ruhelosigkeit, Schlafstörungen und Depression verlangsamen und das Denkvermögen und Wohlbefinden verbessern – über alle Schweregrade der Demenz hinweg.
„Wir schaffen ein stimulierendes Umfeld, das Lebendigkeit erzeugt und nicht wie der Warteraum auf den Tod wirkt“, sagt Francien van de Ven. Sie gilt als Pionierin für Pflegehöfe und ist Direktorin eines Pflegehofverbunds mit 13 Betrieben im niederländischen Nordbrabant, auf denen über 100 demenziell erkrankte Senioren leben.
Geplanter Pflegehof in Niedersachsen
Nach niederländischem Vorbild plant auch Dr. Katharina Rosteius mit Partnern einen Pflegehof im niedersächsischen Zernien. Rosteius hat ihre Doktorarbeit über niederländische Pflegehöfe geschrieben und setzt ihr Wissen nun im eigenen Genossenschaftsprojekt mit rund 50 Betreuungsplätzen für Menschen mit Demenz um. Die Architektenpläne sind auf die Bewohner zugeschnitten. Sie bieten kleine Wohngemeinschaften, individuelle Versorgung, ein Rundlaufkonzept mit Tiergehegen und Hochbeeten.
Die Außenanlage soll auch den Bürgern des Ortes für Besuche offenstehen. „Was hier entsteht, wird Modellcharakter haben“, sagt Rosteius, die auch als Green-Care-Beraterin arbeitet und über die von ihr ins Leben gerufene „Initiative Pflegehof“ Studienreisen in die Niederlande organisiert. „Das Interesse der deutschen Landwirte an der sozialen Landwirtschaft wächst, denn viele suchen nach einer wirtschaftlichen und sinnstiftenden Perspektive außerhalb der Agrarproduktion“, sagt Rosteius.
Perspektive für Bauernhöfe
Jahr für Jahr sinkt die Zahl der deutschen Vollerwerbshöfe und immer mehr Landwirte betreiben sie nur noch im Nebenerwerb. Green Care kann eine zusätzliche Einkommensquelle sein. „Ein Einstieg wird oftmals dadurch leichter, dass Mitglieder der Familien in sozialen oder therapeutischen Berufen arbeiten und diese Qualifikation gerne in den Betrieb einbringen möchten“, sagt Maria Nielsen, Projektleiterin eines EU-geförderten Green-Care-Projekts in Schleswig-Holstein.
Nielsen schult und berät Landwirte, die in die soziale Landwirtschaft einsteigen wollen oder eingestiegen sind. Sie kennt die Hürden, die einer größeren und schnelleren Expansion dieser Konzepte im Wege stehen: langwierige Genehmigungsverfahren, Bürokratie, hohe Kosten für den Umbau von Wirtschaftsgebäuden zu barrierefreiem Wohnraum, komplexe Organisation, Personalengpässe.
Pflege auf dem Pflegebauernhof kostet auch nicht weniger als im Pflegeheim, wird in der Nische bleiben und das etablierte Pflegesystem nicht retten. Aber aus kleinen Dingen lernt man, wie man große Dinge besser macht. »Dem Sektor gehört die Zukunft. Das liegt daran, dass wir genau das tun, was die Gesellschaft sich wünscht: in Gemeinschaft und aktiv älter werden«, sagt Dr. Katharina Rosteius.
Pflegebauernhöfe: Konzept und Kontakt
Pflegeumgebungen gewinnen an Bedeutung. Denn wer im Alter sozial eingebunden ist und sich sicher fühlt, dem gelingt es eher, zufrieden und gesund alt zu werden. Die soziale Landwirtschaft kombiniert Pflege mit Naturerlebnissen und regt die Bewohner dazu an, im Freien aktiv zu sein und mitzuarbeiten.
Der Pflegehof Zernien im Wendland, der sich in Planung befindet, hat dafür eine eigenständige Genossenschaft gegründet, die grundsätzlich allen offensteht. Freie Plätze werden vorrangig an Mitglieder der Genossenschaft vergeben: www.pflegehof-zernien.de
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