Mentale Gesundheit
Gesunder Medienkonsum oder schon Sucht?

Eltern können viel tun, um Kindern und Jugendlichen einen gesunden Umgang mit modernen Medien zu vermitteln. Ein Gespräch mit der Diplom-Psychologin Dr. Isabel Brandhorst.

Securvital: Welche Faktoren begünstigen eine Internetsucht bei Jugendlichen?

Isabel Brandhorst: Wir unterscheiden ver­schiedene Nutzungsstörungen. Die pro­minentesten im Kindes- und Jugendalter sind die Computerspielstörung und die Soziale-Netzwerk-Nutzungsstörung. Fak­toren, die mit einer Computerspielstö­rung einhergehen, sind u. a. junges Alter, männliches Geschlecht, geringer Selbst­wert, erlebte Einsamkeit oder eine beein­trächtigte Eltern-Kind-Kommunikation.

Securvital: Ab wann ist es eine Sucht?

Brandhorst: Das internationale Diagnosesystem ICD-11 definiert die Computerspiel­störung als ein Spielverhalten am Compu­ter, Smartphone oder der Spielekonsole, das immer mehr außer Kontrolle gerät, das an­dere Aktivitäten wie Hobbys oder familiäre Rituale in den Hintergrund drängt und trotz der negativen Konsequenzen auf das übrige Leben von den Betroffenen nur schwer geändert werden kann.

Securvital: Wie können Eltern vorbeugen?

Brandhorst: Meiner Erfahrung nach gibt es viele Stellen, an denen Eltern ansetzen kön­nen. Sie sollten sich dabei aber bewusst ma­chen, dass ihr Einfluss begrenzt ist und für die Entwicklung einer Sucht verschiedene Risikofaktoren zusammenkommen müssen. Hilfreich sind vor allem Aspekte, wie selbst ein gutes Vorbild zu sein. Nicht nur in Bezug auf die eigene Bildschirmnutzung, sondern auch in Bezug auf eine vielseitige Freizeit­gestaltung. Im Gespräch bleiben ist eben­falls wichtig und dass gemeinsam Regeln für die Nutzung festgelegt werden. Hilfestellung gibt etwa der Mediennutzungsvertrag im Netz unter www.mediennut­zungsvertrag.de.

Securvital: Und wenn die Jugendlichen sich dagegen wehren?

Brandhorst: Jugendliche müssen mit den Regeln nicht unbedingt glücklich sein, sie sollten sie aber verstehen und akzeptieren können. Zudem sollte die Mediennutzung nicht zum Dauergesprächsthema werden und der Austausch darüber wertschätzend und respektvoll bleiben. Eine Abwertung der Freizeitbeschäftigung des Kindes als »Ballerspiel« oder »blödes Daddeln« er­schwert es nur. Dazu sollten Eltern in ihrem Erziehungsverhalten verlässlich sein und für Gefahren im Netz sensibilisieren, wie unerwünschte Kontaktaufnahmen, Porno­grafie, Gewalt oder Illegales. Eltern sollten zeigen, dass sie ansprechbar sind, wenn dem Kind etwas »Komisches« im Netz begegnet.

Securvital: Ab welchem Zeitpunkt sollten Eltern professionelle Hilfe suchen?

Brandhorst: Dann, wenn sich negative Konsequenzen im Leben der Kinder ent­wickeln, die klar mit dem Nutzungsver­halten in Zusammenhang stehen. Das sind etwa schlechtere Schulleistungen, die Reduzierung von Sozialkontakten oder Freizeitaktivitäten, überhöhte Geld­ausgaben, Schlafmangel oder ein dauer­haft verschobener Tag-Nacht-Rhythmus.

Securvital: Welche Hilfe gibt es für Eltern?

Brandhorst: In Tübingen haben wir ein Elterngruppentraining (ISES! Gruppentrai­ning) und ein Onlinetraining für Eltern (ISES! Onlinetraining), deren Jugendliche bereits eine Sucht entwickelt haben (www. elterntraining-internetsucht.de). Außerdem gibt es als Pilotprojekt ein Onlinetraining für Eltern von Grundschulkindern (ISES! Kids), die eine riskante Nutzung zeigen.

Bundesweit können sich Eltern in Erziehungs- oder Familienberatungsstellen, etwa von den Jugendämtern, beraten lassen. Wenn bereits eine Sucht vorliegt, kann auch eine Beratung in einer Suchtberatungsstelle vor Ort hilfreich sein.

Securvital: Unterscheidet sich die Computerspielsucht von einer problematischen Social-Media-Nutzung?

Brandhorst: Für die Soziale-Netzwerk-Nutzungsstörung gibt es noch keine offi­ziellen Diagnosekriterien. Man kann aber die Kriterien der Computerspielstörung gut übertragen. Die Mechanismen, die ei­ne Sucht fördern, sind ähnlich. Die Risiko­gruppe ist aber eine andere, da Jungs eher Computerspiele spielen und Mädchen eher soziale Netzwerke nutzen. Meiner Erfahrung nach wird die Abhängigkeit von sozialen Netzwerken von Eltern un­terschätzt. Soziale Netzwerke haben ein besseres Image als Computerspiele, in denen geschossen wird.

Securvital: Gibt es eine nachweisbare Verbindung zwischen Internetsucht und körperlichen Erkrankungen?

Brandhorst: Grundsätzlich gehen erhöhte Bildschirmzeiten mit weniger Bewegung einher, was wiederum mit Übergewicht assoziiert ist. Ein Zusammenhang zwi­schen Bildschirmnutzung und Überge­wicht lässt sich bereits im Vorschulalter beobachten.

Dr. Isabel Brandhorst ist Diplom-Psychologin und Leiterin der Forschungsgruppe Internetbezogene Störungen und Computerspielsucht am Universitätsklinikum Tübingen. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit den Risi­ken neuer Medien für die Gesundheit.

 

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